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5 Juli 2011 - 7:51Von Dinosauriern, Flutwellen und anderen Phänomenen im eLearning – Ein Bericht von der eLBa (Rostock) und der ICELW (New York)

So ähnlich und doch so unterschiedlich: Während Ende Mai in Warnemünde der Strandabend der eLearning Baltics (eLBa) durch eine Gewitterfront regelrecht ins Wasser fiel, fielen zwei Wochen später in New York auf der International Conference on E-Learning in the Workplace (ICELW) an der Columbia University bei 40 Grad Außentemperatur reihenweise die Krawatten. Zwei eLearning Konferenzen mit ähnlichem Zuschnitt an ganz verschiedenen Orten und mit ganz verschiedenen Eindrücken: beide Veranstaltungen fanden zum 4. mal statt, fast zur gleichen Zeit, beide mit etwa 120 Teilnehmern  und beide getragen von einer Mischung aus privatwirtschaftlichem Engagement und öffentlicher Förderung. Das persönliche Engagement der beiden Hauptorganisatoren war als positive Duftnote überall spürbar und gab ihnen ein familiär-produktives Gepräge  mit hohem Netzwerk-Potential, oft vermisst bei Großveranstaltungen durch professionelle Kongressausrichter.

Die eLBa tagte zum 2. Mal im angenehmen Umfeld des Rostocker Radisson Hotels und präsentierte auch im vierten Durchlauf ein sorgfältig und thematisch gut sortiertes Kongressprogramm mit inhaltlichen Blickfängern als Einstiegsreferaten. Die bundesdeutsche eLearning Szene hat die eLBa mittlerweile als Forum entdeckt, zunehmend tummeln sich viele Akteure, die auch auf der Learntec und Cebit zu finden sind, an der Ostsee. Auch dem „baltischen“ Alleinstellungsmerkmal  wurde mit einer finnischen Vortragssektion Rechnung getragen.  Der deutschsprachige Teil des eLBa Business Kongresses fragte sich dieses Jahr, ob eLearning fester  Bestandteil von Personalentwicklung und eTesting nicht doch eher Erbsenzählerei sei. Außerdem wurde der Beitrag von eLearning zum Thema Arbeitssicherheit und Unternehmenskultur diskutiert  und wie mit „niedrigschwelligen“ Angeboten die Akzeptanz für eLearning erhöht werden kann. Schließlich kamen zwei aktuelle Gretchenfragen auf den Tisch, die auch die ICELW in New York bewegte: Sind durch Web 2.0 Kollaboration, nutzergenerierten Inhalten und Personal Learning Environments (PLEs) klassische, didaktisch aufbereitete eLearning Contents und Lernmanagementsysteme Dinosaurier und reif fürs Museum?

Die Dinosaurier-Frage bewegte  am letzten Tag der ICELW auch die amerikanischen eLearning Schwergewichte Jay Cross, Jay Liebowitz (im Kongress waren „the two Jays“ ein geflügeltes Wort), Tony O´Discroll und Allison Rossett, die dazu neigten, das Kind mit dem Bade auszuschütten, indem  sie formalisiertes, kurszentriertes eLearning und Lernmanagementsysteme in Bausch und Bogen als Ausdruck alter Top-Down-Denke darstellten, die sich im Konservatismus der „corporate world“ verschanzt habe. Man mag den geringen Anteil an Vorträgen, die überzeugende Praxisbeispiele für eine „Bottom-up“ Lernkultur mit nutzergenerierten Inhalten als Bestätigung für diese „konservative Verschwörung“ sehen oder auch als Beweis, dass in der eLearning Praxis nur halb so heiß gegessen wird wie Trendgurus kochen. Was nicht schlecht sein muss, denn bei aller Heiligsprechung des informellen Lernens und seiner Web2.0 Tools wird ein Teil des (e-)Lernens formalisiert bleiben (müssen), schon aus Nachweis- und Transparenzgründen, ohne die ein Qualifizierungssystem nicht lebensfähig ist.

Die ICELW präsentierte sich im gut klimatisierten Faculty Building der Columbia University, mit Blick auf Harlem. Die Referenten aus aller Welt und das 4-zügige Vortragsprogramm ließen Teilnehmern die Qual der Wahl. Vorträge changierten zwischen einigen brillanten Blicken in die Zukunft, guten amerikanisch-pragmatischen „How-to…“ Vorträgen und leider einigen dürftigen forschungs- und fördergeld-motivierten Projektvorstellungen mit einer Praxisrelevanz, die selbst lichtstärkste Beamer nicht zum Vorschein brachten. Hier wäre dem ICELW ein besseres Call-for-paper-Screening zu wünschen. Auch thematische Schwerpunkte mit Vorträgen aus der Unternehmenspraxis würden dem Kongress gut tun. Und natürlich muss man Jay Cross recht geben, der die HR-Abteilungen ermahnte, sich aus der „Komfortzone“ formalisierter Wie-immer-Angebote heraus zu bewegen und Neues auszuprobieren. Ob die sozialen Medien aber zu einer Flutwelle anschwellen werden, die die „militärischen Strukturen“  von Unternehmen wegspülen wird, bleibt abzuwarten. Aber unmittelbar nach den etwas apokalyptischen Einlassungen der Experten zeigte die Chicagoer Drehbuchautorin Hadiya Nuriddin, wie sie lerneffektive Interaktionen in Onlinekursen entwickelt. Das war herzerfrischend präsentiert, klang beruhigend pragmatisch und einleuchtend und laut ihren Referenzen trotz aller Flutwellenwarnungen auch schwer nachgefragt.

Onno Reiners | 4 Comments | Tags: E-Learning

Comments:

  1. danke für die kurze kritische Zusammenfassung. Ich bin ein klarer Vertreter davon Trends immer zu prüfen inwieweit Sie im Personalentwicklungs und Lern-Bereich eingesetzt werden. Was ich jedoch inzwischen schon nervend finde ist der missionarische Eiffer der der Selbsternannten Learning-Gurus von Jane Hart, Jay Cross et. al. Sie haben absolut Ihre Verdienste in der Hervorhebung und Positionierung des informellen, sozialen Lernens. Nur sind Sie meiner Meinung nach hierbei zu fundamentalistisch. Daher danke für die Bemerkung – mit einem Wunsch nach sachlicher Diskussion darüber, wo formell vs informell Sinn macht und wie Personaler und andere Beteiligten sich dazu transformieren können.

  2. Ich denke die eLearning Contents und Lernmanagementsysteme werden sicher weiterhin durch die internetbasierten Systeme “untergraben”, aber ob sie ihre Existenzberechtigung verloren haben, ist eine andere Frage. Ich denke, man sollte einfach schauen, welche Werkzeuge bei dem aktuellen Anwendungsfall mehr Sinn machen.

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