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23 November 2007 - 19:53Web 2.0, eLearning und die rechte Überholspur

Laut § 5 Abs. 1 der Straßenverkehrsordnung ist das rechts Überholen überwiegend verboten. Auf den Datenautobahnen der Informationstechnologie gilt die StVO so nicht, und so verwundert es nicht, dass laut einer Untersuchung des amerikanischen Softwareunternehmens BEA Systems von 321 Unternehmen aus 7 europäischen Ländern Web 2.0 Applikationen wie Blogs, Wikis, Foren oder Podcasts die Führungsetagen der europäischen Wirtschaft rechts zu überholen drohen (siehe ManagerSeminare, Nov. 2007). Insbesondere mangelndes Wissen über die Geschäftspotentiale der sogenannten “sozialen Software” bescheinigt die Studie dem Management. Dabei werden die Propheten der sozialen Software nicht müde, für die Vorteile von Web 2.0 Anwendungen z.B. für das betriebliche Kundenbeziehungs- und Wissensmanagement zu trommeln.

Auch im eLearning schlägt das Web 2.0 Wellen. Für manche eLearning-Hersteller ist es ein willkommenes Mittel, um ihrem Angebot einen neuen Anstrich zu verleihen, und branchenintern wird anlässlich des neuen „Mitmach-Webs“ gerne mal darüber diskutiert, jetzt doch endlich den Begriff eLearning über Bord zu werfen. Vor der deutschen eLearning Leitmesse Learntec gab es Anfang 2007 eine bezeichnende Pro- und Contra-Diskussion im Fachmagazin wirtschaft + weiterbildung (01_2007). Am Beispiel von Lernmanagementplattformen plädierte ein eLearning Kunde aus der Versicherungswirtschaft deutlich dafür, erst einmal die Potentiale der klassischen eLearning Applikationen in Unternehmen zu heben, bevor man auf den nächsten Hype aufspringe. These: Es gibt in vielen Unternehmen bereits genügend computergestützte Kommunikations- und Lernanwendungen, deren Nutzenpotential zum Teil noch gar nicht vollständig ausgereizt sei. Warum also schon wieder etwas Neues? Die Pro-These des eLearning Herstellers: “klassische” eLearning Lösungen ohne Web 2.0 unterstützen eher formale, administrative Geschäftsprozesse von Personal- und Weiterbildungsabteilungen, jetzt sei es an der Zeit, mit Web 2.0-Ergänzungen in Lernmanagement-Systemen auch die Bedürfnisse des betrieblichen Lerners nach Erfahrungsaustausch mit Kolleginnen und Kollegen und der Schaffung eigener Wissensräume (hierfür gern genutzte Begriffe “community of practice” oder “community of experts”) zu unterstützen.

In die Pro-Kerbe schlägt auch Professor Kerres von der Universität Duisburg-Essen, wenn er auf der Zukunft Personal im September diesen Jahres behauptet, durch Web 2.0 Anwendungen ergäbe sich eine neue Qualität in der Weiterbildung, weil durch Wikis, Blogs und Foren “Wissen und Lernen jenseits von Schulungskonzepten” in kooperativen und selbstgestalteten Räumen stattfinden kann. Und auf Kongressen werden die zukünftigen Arbeitnehmer-Generationen als vom Mitmach-Web sozialisiertes Personal beschrieben, das in seinen Lern- und Kommunikationsvorlieben eine ungeahnte Herausforderung an die Weiterbildungs- und Entwicklungsangebote der Personalabteilungen darstellen (siehe mein Blog zum eLearning Kongress in Lissabon).

Aber kann man einfach von der hohen Akzeptanzrate von YouTube, MySpace, Chaträumen oder Wikipedia bei Privatpersonen auf eine entsprechend hohe Akzeptanz in Organisationen und Unternehmen schließen? Die gleichen Vorbehalte, die es von Unternehmen gegenüber allzu vielen Mitmach-Angeboten für Kunden im Web gibt, gibt es auch in der Personalentwicklung und Weiterbildung. Unternehmerische Transparenz hin, Mitarbeitermotivation her: die Treppe wird in Unternehmen in der Regel von oben gefegt und das gilt auch für alle Bildungsaktivitäten. eLearning- und Wissensmanagement-Angebote, die um Web 2.0 Elemente erweitert werden, müssen also einen erkennbaren Beitrag zu unternehmerischen Zielen leisten können. Es bleibt auch die Frage nach der Akzeptanz: schon heute ist die IT-Applikationsdichte in Unternehmen hoch, wo haben da noch weitere Angebote Platz? Warum werden bereits existierende Chat- und Forenangebote in Lernmanagementsystemen nicht immer in dem Maße genutzt, wie ursprünglich erwartet? Und warum soll das bei Web 2.0 Applikationen anders sein? Es ist ja nicht so, dass vor Ankunft der “sozialen Software” nur unsoziale Software in Unternehmen im Einsatz war. Und sind Mitarbeiter bereit, ihr Wissen jederzeit in Datenbanken preiszugeben? Auch in der betrieblichen Motivationsforschung ist schon mancher Blütentraum geplatzt.

Am ehesten könnten Web 2.0 Erweiterungen von eLearning im Bereich des informellen Lernens unterstützen, weil sie vom Charakter her “informell” sind, eben “jenseits von Schulungskonzepten”, wie Prof. Kerres meint, und damit jenseits von formalisierten Entwicklungs- und Weiterbildungsangeboten. Aber auch hier gibt es Tücken: Wer garantiert die Qualität von informellen Inhalten, die Mitarbeiter über firmeninterne Wikis und Blogs generieren? Diese Debatte, die bei Wikipedia und Zeitungsredaktionen angefangen hat, geht nun in die Fläche: Laut einer Nextpractice-Studie stufen viele deutsche Konsumenten nutzergenerierte Webinhalte als oberflächlich, trivial und nicht förderlich für die eigene Entwicklung ein. Und der europäische Online Educa Kongress, der in diesem Jahr vom 28.-30. November in Berlin stattfindet, wird mit einem Vortrag von Andrew Keen eröffnet, Autor des Buches: “The Cult of the Amateur: How Today´s Internet is Killing Our Culture”.

Es bleibt spannend und Entscheider werden einmal mehr in den Rückspiegel schauen, ob sie sich vom Web 2.0 rechts überholen lassen (wollen).

Onno Reiners | 2 Comments | Tags: Allgemein, E-Learning

Comments:

  1. Zu Web 2.0: Ich glaube nicht, dass Web 2.0 irgend jemanden per se rechts oder links überholt. In erster Linie ist Web 2.0 nur ein weiterer Internet-Hype und sonst gar nichts. Ich freue mich für jeden Schüler der sein nebenbei entwickeltes Web 2.0 Portal für ein paar Millionen an MicroSoft etc. verhökert, aber deswegen von rechts überholen zu sprechen …
    Egal welches Web, qualifizierte Angebote werden sich bei bestimmten Usergruppen durchsetzen und unqualifizierte Angebote bei anderen Usern.

  2. exakt: es kommt auf die Qualität der Inhalte an – ob web 2.0 oder sonst ein web, die technik muss zwar userfreundlich sein aber sonst ist das egal

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